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3 stars
John von Düffels "Klassenbuch": Roman aus den soziopathischen Netzwerken  de

John von Düffel: Klassenbuch
Roman
Dumont Verlag, 317 Seiten, 22,- €, Ebook 17,90 €

Aufgemacht ist das Buch wie ein altes Klassenbuch, in das man einstmals eingetragen wurde, wenn man die Ordnung gestört hatte. Wer erwartet, dass hier Schulnostalgie abgefeiert wird, greift besser zur Feuerzangenbowle. Der Erzähler… da stock’ ich schon: Nein, es sind dann doch eher die „Einträge” eines Beobachters, die am Ende eine Geschichte ergeben sollen. Das Personal: Da gibt es neun Schülerinnen und Schüler, daneben auch Frau Höppner, die Deutschlehrerin. Die Geschichte: Um einen klassischen Erzählkern von Grille und Ameise herum blitzen Fragmente, Mails, Protokolle auf. Die Themen: Auch sie eher klassisch: Pubertät (Busensuche), Eifersucht, Schwangerschaft, Schülerliebe, Suizid, Magersucht. Aber weit und breit ist kein Törless in Sicht, keine Figur, die länger zu fesseln vermag. Denn sie alle sind sich ihrer Identität nicht mehr sicher. Haben eine Netz-Identität, klauen sich gegenseitig ihre Ich-Bruchstücke. Sie posten sich ihre Leben kaputt, auch die ihrer Mitschüler. Und Frau Höppner entschwindet. Wohin, sei nicht verraten.
Vielleicht wäre der Roman spannender geworden, wenn er aus der Perspektive der 24-Stunden-Superdrohne erzählt worden wäre, die 360°-Videos liefert von Orten, die früher einmal intim waren?
Von Düffel nutzt eine Jugendsprache, die so klingt, als wäre er mit dem Recorder im Schulbus unterwegs gewesen. Wie lange das aktuell bleibt, ist abzuwarten.
Die jungen Leute versuchen mit allen Mitteln, den Tragödien des Lebens auszuweichen. Das gelingt selbstredend nicht. Und eine Deutschlehrerin ist in dieser Welt die letzte, die es rausreißen könnte.
Spiegelungen und notierte Selfies ergeben mit Mühe eine Art Ganzes. Im Klappentext wird gefragt: Was macht die digitale Welt mit unseren Köpfen? Zu fragen wäre auch: Was macht sie mit unseren Autoren?